Freitag, 10. Februar 2012

Vorstellung des Jahrbuchs Sucht 2010

DHS: Auf Alkohol folgt Gewalt – auf Gewalt folgt Alkohol

Alkoholkonsum und Gewalt sind eng miteinander verbunden. Das Risiko, sowohl Gewalttäter als auch Gewaltopfer zu werden, steigt durch riskanten Alkoholkonsum. Drei von zehn aufgeklärten Gewaltdelikten wie schwere Körperverletzung, Totschlag oder Vergewaltigung werden unter Alkoholeinfluss verübt.

2008 waren das annähernd 52.381 Fälle. Opfer sind vor allem Frauen und Kinder im familiären Bereich. Jugendliche Gewalt sowie Gewalt in der Öffentlichkeit unter Alkoholeinfluss sind häufig. Trotzdem wird der Zusammenhang von Alkoholkonsum und Gewalt immer noch ignoriert.

Die Familie als „gefährlicher“ Lebensraum

Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2008 offenbart, dass 34,5 Prozent der schweren und gefährlichen Körperverletzungsdelikte unter Alkoholeinfluss geschehen. Insbesondere innerhalb der Familie wird Gewalt oftmals von Alkoholkonsum begleitet. Meist geht die Gewalt von männlichen Familienmitgliedern aus.

In annähernd 63 Prozent der durch sexuelle, sehr schwere körperliche und psychische Gewalt geprägten Paarbeziehungen ist Alkohol mit im Spiel. Kinder sind von häuslicher Gewalt immer betroffen, entweder direkt oder indirekt. Allein in 60 Prozent der Fälle sind Kinder Zeugen der Gewaltakte. In Deutschland wachsen 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren - etwa 18  Prozent dieser Altersgruppe - in so genannten suchtbelasteten Familien auf. Jedes 3. Kind aus diesen Familien erfährt regelmäßig Gewaltakte.

Hoher Anteil jugendlicher Tatverdächtiger unter Alkoholeinfluss
Der Anteil von Alkoholisierten unter den jugendlichen Tatverdächtigen bei Gewalttaten liegt bei rund 25 Prozent . Laut der ESPAD-Schülerbefragung neigen Jugendliche im Alter von 13-17 Jahren mit problematischem Alkoholkonsum überproportional verstärkt zu Gewalttaten. Bei Jungen ist rund ein Drittel der verübten körperlichen Gewalt durch Alkohol bedingt, bei den Mädchen sind es sogar zwei Drittel.

Längsschnittstudien konnten zudem belegen, dass Alkoholkonsum im frühen Jugendalter mit späterem Gewaltverhalten und umgekehrt Gewaltverhalten im frühen Jugendalter mit späterem Alkoholkonsum einhergehen. Im öffentlichen Raum geschehen fast die Hälfte aller Verstöße gegen die öffentliche Ordnung, wie z.B. Ruhestörung oder Vandalismus unter Alkoholeinfluss. In einer Freiburger Untersuchung wird hervorgehoben, dass 90% der an einer körperlichen Auseinandersetzung beteiligten Personen zuvor Alkohol getrunken haben.

Tabufreie Debatte des Zusammenhangs von Alkohol und Gewalt
Aufgrund reduzierter Selbstkontrolle reagieren alkoholisierte Menschen in Konfrontationen viel eher gewalttätig als Menschen, die keinen Alkohol getrunken haben. Trotz besorgniserregender Befunde werden die sozialen Folgen des Alkoholkonsums in Form von Gewalthandlungen kaum in der Öffentlichkeit und Wissenschaft thematisiert.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fordert deshalb:

  • Präventive Maßnahmen müssen bereits im Kindes- und Jugendalter ansetzen und problematischem Alkoholkonsum vorbeugen. Flächendeckende,
    kontinuierliche Kampagnen in der finanziellen Größenordnung von Alkoholwerbung sind dazu notwendig.
     
  • Die Regelungen der bestehenden Gaststättengesetze sind durchzusetzen, wie z. B. das sog. Apfelsaftgesetz (§ 6), das Verbot, Alkohol an Betrunkene auszuschenken (§ 20) und die Schankerlaubnis zu versagen (§ 4), wenn der Wirt dem Alkoholmissbrauch Vorschub leistet.
     
  •  Die Einhaltung der Jugendschutzvorschriften ist dauerhaft und kontinuierlich zu überprüfen. Verstöße sind spürbar zu ahnden. Bei wiederholtem Fehlverhalten sind wegen erheblicher Gefährdung der Gesundheit und öffentlichen Sicherheit Verkaufs- und Ausschankgenehmigungen
    zu entziehen.
     
  • Eine intensive Zusammenarbeit von Gewaltopferhilfe und Suchthilfe muss gewährleistet sein, um in der Gewalt- und in der Suchthilfe erfolgreich handeln zu können.

(Quelle: Pressemitteilung der DHS)

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