Repräsentative Studie in Studentenheimen

Ein Viertel der österreichischen Studenten betreibt gesundheitsgefährdenden Alkoholmissbrauch

Die letzte repräsentative österreichische Studie  zum Thema Alkohol und Tabak ist bereits acht Jahre alt und hat leider nur Männer erfasst. Damals zeigte sich: Die Hälfte aller 18-Jährigen raucht. Jeder fünfte junge Mann ist tabakabhängig. Jeder dritte betreibt Alkoholmissbrauch. Tabak-Abhängige konsumieren häufiger zeitweilig illegale Drogen.  Nun ließ eine der größten gemeinnützigen Studentenheim-Trägerorganisationen, die Jugendorganisation ÖJAB  erstmals ein Forscherteam der Medizinischen Universität Wien den Konsum von Alkohol und Tabak in ÖJAB-Studentenheimen in ganz Österreich erforschen.

In einer streng anonymen Erhebung gaben knapp 1.400 Bewohnerinnern und Bewohner (46 Prozent) in 20 Studierendenwohnheimen und Jugendwohnheimen seit Oktober 2009 per Fragebogen Auskunft. Fast alle waren zwischen 18 und 25 Jahren alt. In der Befragung wurde auf soziale Daten, Persönlichkeitseigenschaften sowie auf Missbrauch und Abhängigkeit von Suchtmitteln eingegangen. Da die befragten Heimbewohnerinnen und -bewohner aus praktisch allen gesellschaftlichen Schichten stammen, sind die  Ergebnisse repräsentativ für Österreichs Jugend: 

  • Man „lernt“ das Rauchen und Trinken nicht im Studentenheim. Es gibt keine signifikanten Unterschiede im Alkohol- und Tabak-Konsum zwischen langjährigen HeimbewohnerInnen und neu Eingezogenen. Ein altes Studentenheim-Vorurteil ist damit widerlegt.
     
  • Knapp ein Viertel (23,8 Prozent) der 16- bis 30-Jährigen konsumiert Alkohol in einem sehr hohen, gesundheitsgefährdenden Ausmaß – die meisten davon sind junge Männer. Sie sind bereits jenseits der Gefährdungsgrenze, später einmal alkoholkrank zu werden
     
  • Polarisierung RaucherInnen-NichtraucherInnen: 74 Prozent der Befragten sind absolute Nichtraucherinnen und Nichtraucher – eine starke Steigerung gegenüber älteren Studien. Jedoch: 20 Prozent sind sehr starke Raucherinnen und Raucher mit Besorgnis erregendem Gesundheitsrisiko. 
     
  • Vor zwei Jahren hatte die ÖJAB als bisher einzige Heimträgerorganisation ein  generelles Rauchverbot in allen ihren 20 Wohnheimen eingeführt. Nun wollte man wissen, wie sich dies ausgewirkt hat. 74 Prozent NichtraucherInnen zeigen, dass das Rauchverbot effektiv war, aber nur bei schwachen, gelegentlichen Raucherinnen und Rauchern. Die  starken Raucherinnen und Rau- cher, die am stärksten ihre Gesundheit gefährden, hat man nicht erreicht. 
     
  • Eine Sucht bewirkt die andere: Die starken RaucherInnen betreiben signifikant häufiger Alkoholmissbrauch und konsumieren auch deutlich häufiger illegale Drogen.
     
  • Sucht ist Temperamentsache: Vor allem Personen mit launischen, impulsiven und risikoreichen Charakterzügen („cyclothymes Temperament“) und Personen mit grüblerischen, übellaunigen und überkritischen Persönlichkeitsmerkmalen („irritables Temperament“) neigen signifikant eher dazu, von Alkohol, Tabak oder illegalen Drogen abhängig zu werden.  Diese Persönlichkeitszüge finden sich gleich häufig bei Männern und Frauen. Beide Geschlechter sind auch jeweils gleich häufig tabakabhängig. Jedoch sind die jungen Männer signifikant häufiger alkoholabhängig. Daraus lässt sich schließen, dass nicht ihre grundlegenden Persönlichkeitsmerk- male für den starken Alkoholkonsum den Ausschlag geben, sondern  später Erlerntes, gesell- schaftlicher Druck, Erziehung, familiäre Vorbilder etc. 
     
  • Beruhigungsmittel, Kokain, Opiate und Ecstasy werden laut der – streng anonymen! – Befragung von  fast niemandem regelmäßig konsumiert, jedoch haben immerhin jeweils rund  8 Prozent der Befragten eine dieser Substanzen  irgendwann in ihrem Leben schon einmal probiert. Nur eine illegale Droge sticht hervor:  37,4 Prozent der jungen Leute gaben an, schon einmal oder mehrmals im Leben Cannabis probiert zu haben. Nur 2,3 Prozent sind allerdings regelmäßige Cannabis-Konsumentinnen und -Konsumenten.

Warum hat sich die Heimträgerorganisation ÖJAB überhaupt über diese Studie gewagt? „Alkohol- und Nikotinkonsum in Studentenheimen ist noch nie erforscht worden. Wir wollten daher bei diesem gesellschaftlich wichtigen Thema Vorreiter sein“, erklärt ÖJAB-Geschäftsführer Wilhelm Perkowitsch. „Denn die ÖJAB verwaltet nicht nur Wohnheime, sondern ist eine Jugendorganisation, die sich ganzheitlicher Jugendbildung und der Förderung von Toleranz und Eigenverantwortung bei jungen Menschen verpflichtet fühlt. Alkohol ist bei Studentenfesten und Veranstaltungen natürlich immer wieder ein Thema, und wir wollten wissen, wie sich unser generelles Rauchverbot in den letzten zwei Jahren ausgewirkt hat.“
 
Für Prof. Otto Lesch ist das Resümee klar: „Diese Studie zeigt, dass Regeln in Bezug auf Tabak Menschen dazu bringen, weniger zu rauchen. Sie zeigt aber auch, dass Vorbeugung gegen Abhängigkeiten eine viel komplexere Aufgabe ist. Denn das Rauchverbot im Studentenheim hat den schweren Raucherinnen und Rauchern offensichtlich nicht geholfen. Vielmehr sind vor allem die Risikofaktoren der frühen jugendlichen Entwicklung entscheidend. Echte Suchtprävention ist Bildungs-, Beschäftigungs- und Familienpolitik!“, so der Suchtexperte.
(Quelle: Preessemitteilung der Österreichischen JungArbeiterBewegung ÖJAB)