Glosse
Nach Testkäufen: Idiotentest für Verkäufer?
Der Soff geht uns nicht aus. Täglich könnten wir zum Beispiel über Alkohol-Testkäufe berichten. Die Schwierigkeit dieses Themas liegt allerdings darin, dass sich die Berichte wiederholen und die Variationsmöglichkeiten für Überschriften allmählich erschöpft sind. Wiederholungen mögen weder Leser noch Autoren.
An diesen Geschichten wiederholt sich, dass auch den Jugendlichen der Stoff nicht ausgeht - wie dieser Tage in Braunschweig und Ostfriesland.
Oder drücken wir es anders aus: Dass skrupellose Geschäftsleute täglich das Jugendschutzgesetz brechen, um ihren Profit zu machen, und Kindern illegal Alkohol verkaufen, mit dem sich diese zuerst ins Nirwana und dann ins Krankenhaus begeben.
Und das passiert immer wieder. Manche Geschäfte sind sogar schon öfter aufgefallen und wurden ermahnt. Dennoch bekamen die jugendlichen Testkäufer beim nächsten Mal wieder was sie wollten.
Wieso ändert sich nichts?
Ist die nette Dame an der Supermarktkasse, in Wirklichkeit ein gewissenloses Monster, das unsere Kinder ins Koma schicken will?
Eher nicht, eigentlich hat sie auch nichts davon. Umsatzbeteiligungen sind in dieser Branche eher selten.
Hat Ihr Arbeitgeber sie aufgefordert, beide Augen zuzudrücken, das Zeug auf alle Fälle loszuwerden, auch wenn es illegal ist?
Wenn sie illegal Drogen verscherbeln will, kann sie auf jedem Schulhof größeren Gewinn machen.
Ist ihr alles scheißegal, solange der Scanner funktioniert, die Kasse eine Summe ausspuckt und der Kunde bezahlt?
Vielleicht.
Ist sie unfähig oder zu dumm das Alter eines Kunden zu schätzen und sich im Zweifelsfall den Ausweis zeigen zu lassen?
Wir wissen es nicht.
Ein ehrenamtlicher Suchthelfer, der an einer Supermarktkasse arbeitet, hat uns erzählt, dass alle Mitarbeiter dieser Kette einen Vertragszusatz unterschreiben mussten, in dem sie darauf hingewiesen wurden, dass sie eventuelle Strafen (bis zu 30.000 Euro) selbst bezahen müssten und beim Kauf von alkoholischen Getränken eine Ausweiskontrolle durchzuführen haben, wenn sie den Kunden auf den erstebn Eindruck unter 25(!) einschätzen.
Neulich, erzählte er, wollte ein Jugendlicher harten Alkohol im Laden erstehen. 16 war er. Als er abgewiesen wurde, meinte er, es sei kein Problem, er hätte ja seinen Freund dabei, der sei schon 18. Als der die Flasche Wodka kaufen wollte, sagte der Verkäufer, er könne sie ihm schon geben, würde aber die Abrechnung solange verzögern, bis eine Mitarbeiterin die Polizei gerufen hätte, die dann eine Anzeige gegen den Kumpel aufnehmen würde. So gingen sie, etwas beschämt, dahin.
So kann es auch laufen. Verkäufer sind nicht dumm und brauchen auch keinen Idiotentest. Und - wir sprechen hier auch nicht von schwarzen Schafen. Die Testkäufe lassen die Vermutung zu, dass über 40 Prozent der Versuche, illegal an Stoff zu gelangen, erfolgreich sind.
Was den für den Verkauf Verantwortlichen fehlt, ist ein Gespür für Konsequenzen. Die Verantwortlichen agieren verantwortungslos. Man kann nicht ändern, dass Ihnen die Kinder anderer Leute egal sind. Ist ja nicht ihr Problem, wenn sich ein fremdes Kind eine Alkoholvergiftung zufügt, dafür ist das Rote Kreuz da und dann die Krankenkasse, die das bezahlt. Ernsthafte Konsequenzen für sich haben sie nicht zu befürchten.
Dr. Ralf Schneider hat in einem Vortrag erwähnt, dass er in den USA einen Verkäufer gefragt hätte, ob er Alkohol auch an Leute verkaufen würde, die noch keine 21 Jahre sind. Der antwortete, dass er ja nicht bescheuert sei, er würde dann ja sofort seine Lizenz verlieren.
Zurück in Deutschland: Niedersachsen Inneminister Schünemann (CDU) kündigte im April harte Strafen bei Verstößen gegen das JugendschutzgesetzI an. Kurz darauf wurden in Oldenburg Alkohol-Dealer mit 300(!) Euro Strafe belegt. 300 Euro: Das kostet allein die Anfahrt eines Rettungswagen. Wenn dann das Kind verladen ist, wird es richtig teuer. Über Schäden, die nicht mit Geld zu kitten sind, reden wir hier mal gar nicht.
Nach unseren Informationen sind alleine in Hannover noch über 80 Verfahren offen, wir sind gespannt und hoffen, dass es sich dann wieder lohnt, über Testkäufe zu berichten.
(Bild: stock.xchng)
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