Freitag, 10. Februar 2012

Guttempler:

Kinder aus suchtbelasteten Familien - die übersehene Gruppe im familiären Umfeld der Sucht

In Deutschland leben mindestens 2 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien, in denen mindestens ein Elternteil alkoholkrank ist. Hinzu kommen ca. 40.000 bis 60.000 Kinder und Jugendliche mit mindestens einem drogenabhängigen Elternteil. Und ca. 6 Mio. Erwachsene in Deutschland wuchsen in süchtigen Familien auf. Durchschnittlich jedes 6. Kind ist von einer Suchtproblematik in der Familie betroffen. Kinder suchtkranker Eltern sind keine Randgruppe oder Minderheit!

Kinder aus suchtbelasteten Familien sind die größte bekannte Risikogruppe für eine spätere eigene Suchterkrankung.  Eine umfassende Studie zur Transmission von Alkoholismus (Cotton, 1979) zeigte, dass von knapp 4.000 alkoholabhängigen Personen 30,8 Prozent einen abhängigen Elternteil aufweisen. Besonders belastet sind diejenigen, bei denen beide Elternteile suchtkrank waren oder bei denen ein suchtkranker Elternteil die Abhängigkeit nicht erfolgreich bewältigen konnte. Belegt ist auch, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an einer anderen psychischen Störung, insbesondere Depressionen und Angststörungen,  zu erkranken.

Kinder aus Suchtfamilien haben höhere Krankheitsbelastungen. So sind z.B. Krankenhausaufenthalte wegen eigenem Suchtmittelkonsum drei Mal so häufig wie bei anderen Kindern, wegen psychischer Störungen doppelt so häufig. Die Krankheitskosten für Kinder aus Suchtfamilien sind um 32 % höher als die anderer Kinder (vgl. RIAS-Information und Stiftung Deutsche KinderSuchthilfe).

In hohem Maße bestehen Zusammenhänge zwischen Sucht im Elternhaus und Kindesvernachlässigung und -missbrauch. Diese Einschätzung wird von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfen geteilt.

Kinder suchtkranker Eltern  schneiden in ihren schulischen Leistungen schlechter ab und zeigen weitere Schulschwierigkeiten. Dieses Phänomen steht nicht etwa im Zusammenhang mit geringerer Intelligenz oder Leistungsbereitschaft. Der ständige Stress in einer Familie mit Suchtproblemen, die oftmals chaotischen Familienstrukturen, ständige Sorge um das Geschehen zu Hause, fehlende Unterstützung durch die Eltern, negatives Selbstwertgefühl und viele andere Faktoren mehr führen zu Rückzug, Versagensängsten, Scham- und Ohnmachtsgefühlen.

Dass Kinder und Jugendliche, die ständig der Belastung in einer Familie mit Suchtproblemen ausgesetzt sind, selbst häufig verhaltensauffällig werden,

wird nicht verwundern. In einer amerikanischen Umfrage unter jugendlichen Ausreißern und obdachlosen Jugendlichen berichten 79 Prozent der Befragten von Alkoholkonsum zu Hause (vgl. Booth, R.E.,  Zahng, Y.: Severe aggression and related conduct problems among runaway and homeless adolescents. Psychiatric Services, 1996).

Hilfen und Chancen
Jedoch nicht alle Kinder, die eine „suchtbelastete“ Kindheit erlebt haben, entwickeln eine eigene Suchterkrankung oder andere psychische Beeinträchtigungen. Vielmehr haben Kinder, deren Eltern (möglichst frühzeitig) die eigene Suchtproblematik bewältigen und die aktiv die Gesundung der Familienstrukturen und -beziehungen angehen, gute Chancen auf eine „Normal-Biographie“. Hier ist insbesondere die Suchtselbsthilfe ein wichtiger Unterstützungsbereich, denn die Thematisierung der Belastungen der Kinder, die Überwindung von blockierenden Schuld- und Schamgefühlen, die Entwicklung von neuen Lebensinhalten und -formen und die Rückgewinnung eines gesunden, positiv gestalteten  Familienlebens sind wichtiger und selbstverständlicher Teil dieser Hilfen von Betroffenen für Betroffene.

Wiebke Schneider, Geschäftsführerin der deutschen Guttempler: „Das Problem der Kinder aus suchtbelasteten Familien geht aber nicht nur die Suchthilfe an, sondern insbesondere auch soziale, pädagogische und medizinische Handlungsfelder (Kindergarten, Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Ärzte – insbesondere Kinderärzte –, Krankenhäuser usw.). Hilfe ist möglich, unterstützende Einzel- und Gruppenarbeit, begleitende Elternarbeit, freizeitpädagogische Angebote usw. können Kindern helfen, die teils traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und neue Perspektiven zu gewinnen – und vielleicht sogar die Kindheit zurück zu gewinnen!“

Die Guttempler fordern gemeinsam mit der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen:

  • die Aufmerksamkeit der sozialen, pädagogischen und medizinischen Handlungsfelder für die Probleme der Kinder aus Familien Suchtkranker
     
  • Fortbildung zur Erkennung familiärer Suchtprobleme für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Arbeitsfelder Soziales, Medizin, Jugend und Pädagogik
     
  • von den Kostenträgern in Suchtberatung und -behandlung:  Einbeziehung der Kinder in Beratungs- und Therapiemaßnahmen
     
  • Ausbau der Angebote für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien: Gruppenprogramme, Freizeitangebote, u.a.m.
     
  • Die besondere Berücksichtigung dieser extrem gefährdeten Gruppe der suchtbelasteten Kinder in Präventionsmaßnahmen und -programmen.
     

(Pressemitteilung der Guttempler)

siehe auch:

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