Freitag, 10. Februar 2012

Fachtag des Präventionsrats mit vielen Informationen und Lösungsansätzen

Paderborn: "Die Zwillinge Alkohol und Gewalt"

"Gewalkohol" - unter diesem Titel hatte der Präventionsrat gegen Gewalt zum Fachtag eingeladen. Ein Referat und Diskussionen in vier Arbeitsgruppen standen für die Fachleute aus Medizin, Sozialarbeit, Jugendarbeit, Schule und Kindergarten auf dem Programm.

Landrat Manfred Müller, der Vorsitzende des Präventionsrats, versprach in seiner Eröffnungsrede: "Unser Fachtag bietet viele Informationen zu den Wechselwirkungen von Alkohol und Gewalt und zeigt Lösungen, Reaktions-und Interventionsmöglichkeiten auf." Und weiter: "Gewalkohol" - dieses Wortspiel sagt aus: Alkoholkonsum und Gewaltausbrüche sind eng miteinander verbunden. Das löst auch im Kreis Paderborn Ärger und Leid aus. Es ist ein aktuelles, ein drängendes Problem und reicht in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein."

Die polizeiliche Kriminalstatistik, auf die der Landrat sich bezog, spricht eine deutliche Sprache: Im Jahr 2009 standen im Kreis Paderborn bei leichten Körperverletzungsdelikten 37 Prozent der Tatverdächtigen unter Alkoholeinfluss, bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung waren es sogar 47 Prozent. Wurden die gefährlichen und schweren Körperverletzungsdelikte in der Öffentlichkeit begangen, war sogar jeder zweite Täter alkoholisiert und richtete sich die Gewalt gegen Polizeibeamte, begingen 76,7 Prozent der Tatverdächtigen die Tat unter Alkohol.

Nahezu alle Formen von Gewalt treten häufig in Verbindung mit Alkoholkonsum auf: ob Schlägereien in der Kneipe oder zwischen rivalisierenden Fangruppen, ob sexuelle Gewalt, Kindesmisshandlung, Häusliche Gewalt oder Gewalt gegen Polizeibeamte. Mit dem Alkohol könne Schluck für Schluck die Selbstkontrolle weichen und es könne zu Gefühls- oder gar Gewaltausbrüchen kommen, erklärte der Landrat und führte weiter aus: "Besonders betrunkene Männer schlagen dann schon einmal - oft nach verbalem Streit - die Faust ins Gesicht ihres Gegenübers.

Es ist auffallend, dass es nach dem exzessiven Trinken mit Freunden häufig zu aggressiven oder gewalttätigen Verhaltensweisen kommt. Der Kumpel Alkohol zerstört Freundschaften." Prof. Dr. Michael Klein von der Katholischen Hochschule NRW bestätigte in seinem Einführungsreferat "Die Zwillinge Alkohol und Gewalt und ihre Familiengeschichte" die Einschätzung Müllers.

Er führte wissenschaftliche Untersuchungen und Statistiken an, die den deutlichen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und gewalttätigen Handlungen belegen. So sei bei 51 Prozent gewalttätiger Paarbeziehungen ein erhöhter Alkoholkonsum des Täters festgestellt worden (BMFSJ, 2008). "90,2 Prozent aller Personen (vor allem Jugendliche), die an körperlichen Auseinandersetzungen beteiligt waren, hatten im Durchschnitt 210 g Alkohol konsumiert. Das sind ca. 22 Gläser Kölsch", zitierte der Kölner Wissenschaftler eine aktuelle Studie. "Allerdings", so der Fachmann für Suchtforschung weiter, "gibt es eine Vielzahl von Wechselwirkungen und Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, soziale Herkunft, eigene Gewalterlebnisse und sogar die Tageszeit, das Wetter oder andere Reize."

Eine wesentliche Ursache sieht Klein in der Verfügbarkeit von Alkohol. Er fordert nachdrücklich eine "Entdichtung" des Alkoholkonsums durch weniger Alkoholverkaufsstellen und Preiserhöhungen. Nicht den völligen Alkoholverzicht verlangt er, sondern Eigenkontrolle und Grenzsetzung. Frühzeitige Prävention schon im Kindergartenalter mit Programmen wie PAPILIO, das auch im Kreis Paderborn angesiedelt ist, können helfen. Auch Anti-Aggressivitätstrainings und Gewalttherapien müssen nach Prof. Kleins Forderung vermehrt in den Katalog zur Verhinderung von Risikofaktoren aufgenommen werden.

Praxisnah ging es in den vier Workshops des von der Arbeitsgruppe "Alkohol und Gewalt" organisierten Fachtages zu, als man sich unter dem Titel "Gleich knallt's" über den Umgang mit alkoholisierten aggressiven Menschen austauschte und die Möglichkeiten der Kurzintervention bei Alkoholkonsumenten kennen lernte. Auch über eigene belastende Erlebnisse in der Arbeit konnten die Fachtagsbesucher sprechen und Bewältigungsstrategien entwickeln.

Im Workshop "Wie geht's weiter" erfuhren sie Interessantes über Beratungsangebote und Anlaufstellen im Kreis Paderborn. "Ich bin zum Fachtag gekommen, um mich zu informieren und Lösungen zu finden. Meine Erwartungen sind erfüllt worden, ich habe viel erfahren und ganz wichtig war mir der Austausch mit Anderen", fasste eine Tagungsteilnehmerin ihre Eindrücke zusammen.

Der Fachvortrag und weitere Unterlagen zum Fachtag sind unter www.praeventionsrat-paderborn.de abrufbar.
(Quelle: Pressemitteilung Kreispolizeibehörde Paderborn)

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