Montag, 06. Februar 2012

Schweizerischer Nationalfonds

Sozialwissenschaftliche Untersuchung zum Alkoholkonsum im öffentlichen Raum

Alkoholabhängige Menschen, die sich vorwiegend in Gruppen im öffentlichen Raum aufhalten, sind meist männlich und schweizerischer Herkunft. Sie leiden oft an physischen und psychischen Krankheiten. Mehr als ein Drittel dieser Randständigen wurde im Verlauf seines Lebens sexuell missbraucht. Zum diesem Schluss kommt eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte sozialwissenschaftliche Untersuchung in fünf Deutsch- und Westschweizer Städten.

Wer sind die marginalisierten Menschen, die in Gruppen auf öffentlichen Plätzen leben und Alkohol konsumieren? Was denken sie über ihre Situation? Wie reagieren die Passantinnen und Passanten? Unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds hat ein Forschungsteam unter der Leitung von Corina Salis Gross und Gerhard Gmel im Jahr 2008 die einschlägigen Szenen in Bern, Zürich, Chur, Yverdon-les-Bains und Lausanne sowie die betreffenden städtischen Politiken untersucht. Die Sozialwissenschaftler interviewten 206 Randständige sowie über 1.000 Passanten.

Die untersuchten Randständigen bestehen mehrheitlich aus Männern (73 Prozent). Je grösser die Stadt, desto homogener sind die Gruppen hinsichtlich der konsumierten Suchtmittel. In den Szenen der kleineren Städte (Chur, Yverdon) werden neben Alkohol zusätzlich Methadon, Heroin, Kokain und Benzodiazepine konsumiert. Fast ein Viertel der Untersuchten besitzt keine feste Unterkunft. Das Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren. Die meisten Randständigen sind schweizerischer Herkunft.

Negative Erfahrungen mit Passanten

Über ein Drittel der Untersuchten (35 Prozent) erlitt im Verlauf des Lebens mindestens einmal einen sexuellen Übergriff; bei den weiblichen Personen sind es sogar 67 Prozent. Zwei Drittel gaben an, in ihrem Leben mindestens einmal beinahe gestorben zu sein. Viele weisen einen schlechten physischen und psychischen Gesundheitszustand auf (Gelenk- und Knochenschmerzen, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit). Das Betteln ist kaum ein Motiv für den Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen. Als Grund für die Gruppenzugehörigkeit gaben viele nicht nur die Verfügbarkeit von Suchtmitteln, sondern vornehmlich emotionale Unterstützung (Trost, Verständnis) und sozialen Nutzen an (Informationsaustausch, Tipps im Umgang mit Behörden).

Fast die Hälfte der Randständigen berichtet von Beschimpfungen oder Aufforderungen, arbeiten zu gehen. In Zürich und Lausanne ist das häufiger der Fall als in den kleineren Städten. Viele der befragten Passanten empfinden es als störend, wenn sie den Gruppen nicht aus dem Weg gehen können. Der Anblick der Szene löst am häufigsten «Betroffenheit» oder «Mitgefühl» aus. «Wut» oder «Angst» nannte ein kleiner Teil. In der Deutschschweiz nannten viele Passanten «Gleichgültigkeit».

Unterschiedlicher Umgang mit den Randgruppen

Die Situation der Randständigen hat sich in den letzten Jahren verschärft, weil sie aufgrund der verstärkten Imagepflege der Städte und der Ökonomisierung des öffentlichen Raums – beispielhaft die Erweiterung der Bahnhöfe zu Einkaufszonen – an die Peripherie gedrängt werden. Die Nutzung des öffentlichen Raums ist stark reglementiert. Für die Randständigen bedeutet diese strukturelle Diskriminierung, dass sie ihren widerständigen und anarchischen Charakter einbüssen. So gehe – neben aller Tragik der einzelnen Biographien – die wichtige Funktion verloren, die Randständige für die Gesellschaft hätten, sagt Corina Salis Gross: einen anderen Lebensentwurf aufzuzeigen. Das sei früher auch deshalb eher möglich gewesen, weil sie einen subversiven Anspruch gehabt hätten.

Die 2008 durchgeführte Studie zeigt auch, dass die fünf untersuchten Städte verschieden mit den Randgruppen umgehen: Bern, die «Imagepflegende», hegt mit Repression und dem Anbieten von Alternativen ihr Bild als saubere Stadt, in der Sicherheit und Ordnung herrschen. Chur, die «Segregative», ignoriert die Randständigen und überlässt sie sich selbst. Zürich, die «Pragmatische», hält mit einem liberalen Ansatz die Szenen auf eine stadtverträgliche Weise unter Kontrolle. Lausanne, die «Uneinige», wird gelähmt von den Grabenkämpfen zwischen der Rechten und der Linken. Yverdon, die «Integrative», akzeptiert die Randständigen unter der Auflage, dass sie die Gesetze respektieren.

Die Alkoholszene von der übrigen Drogenszene trennen
Die Forschenden empfehlen, die Öffentlichkeit besser über die Situation der Randständigen zu informieren. Dass die Sozialarbeit in Bern und Zürich diese einerseits unterstützt, andererseits aber ordnungspolitisch tätig ist, erschwert die Betreuung. Die Forschenden empfehlen, die Alkoholszenen von den harte Drogen konsumierenden Gruppen zu trennen. Mittel dafür sind etwa Anlaufstellen für den geschützten Konsum. Wo dies nicht geschieht – wie in Lausanne, Yverdon und Chur –, ist die Gefahr gross, dass junge Alkoholabhängige in den Gebrauch illegaler Drogen einsteigen.
(Quelle: Medienmitteilung des Schweizerischer Nationalfonds (SNF) zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung)

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