Donnerstag, 09. September 2010

Kinder und Jugendliche zwischen Markt, Medien und Milieu:

Wahrnehmen, helfen, Suchtproblemen vorbeugen!

Unsere Gesellschaft orientiert sich im Übermaß an Konsum und Jugendlichkeit. Kinder und Jugendliche sind Teil dieser Wertestruktur. Der Konsum und Umgang mit Suchtmitteln und süchtigen Verhaltensweisen gehört dazu. Die daraus resultierenden Probleme der Kinder und Jugendlichen werden ignoriert – bis zum Eklat.

Das Aufwachsen in den Lebenswelten Schule und Familie wird bestimmt durch den sozialen Status, das Einkommen der Eltern. In diesen Lebenswelten, wie auch in den Peergroups, machen Kinder und Jugendliche erste Erfahrungen mit Suchtmitteln, nicht zuletzt geprägt von Medien und Werbung, die den Konsum extrem propagieren. Kinder und Jugendliche sind für die Gesellschaft die Zielgruppe Nr. 1.

Kinder und Jugendliche sind die Hoffnungsträger der Gesellschaft und der Familien: Bildungs- und Arbeitskräftereserve, Pflegereserve. Sie haben die Schuldenlast des Generationsvertrages zu tragen. Sie sind der „Rohstoff“ einer Leistungsgesellschaft, in der sie eher Objekt denn Subjekt sind.

In Deutschland leben 10,4 Mio. Kinder unter 14 Jahren und 3,5 Mio. Jugendliche im Alter von 14 - 17 Jahren. Das Leben vieler Kinder und Jugendlicher wird geprägt von mangelnden Bildungschancen, von Kleinst- und Teilfamilien (2006: 1,6 Mio. Alleinerziehende), von Armut (12 % der Kinder unter 14 Jahren) und Gewalt. Sie haben nicht nur ihre eigenen Traumatisierungen zu tragen, sondern auch die der Erwachsenen. Diese Kinder und Jugendlichen stehen nicht mehr in der Öffentlichkeit und in der öffentlichen Diskussion – es sei denn, sie stören die öffentliche Ordnung.

Das Risiko, ein problematisches Suchtverhalten zu entwickeln, wird durch unzureichend ausgebildete Lebenskompetenzen, deren Verantwortung nicht die Kinder tragen, erhöht: Das können u. a. Schwierigkeiten im Erkennen und Ausdrücken der Gefühle sein, ein niedriges Selbstwertgefühl, eingeschränkte Kommunikations- und Handlungskompetenz, fehlende Frustrationstoleranz und ungenügende Problemlösefähigkeit.

Der problematische, kindliche und jugendliche Substanzgebrauch und das süchtige Verhalten erfordern neben verhältnispräventiver und verhaltenspräventiver Maßnahmen zwei Hilfeansätze. Es muss auf die akuten Folgen des Konsums bzw. Missbrauchs reagiert werden: 1. Notfallhilfe, vor allem bei Intoxikation, und frühzeitige Intervention bei den Kinder und Jugendlichen und deren Erziehungsberechtigten. 2. Kinder und Jugendliche, bei denen sich Substanzmissbrauch und Abhängigkeit entwickelt haben, müssen behandelt werden. Die Hilfeangebote der Suchthilfe, der Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie müssen transparent, ihre Finanzierung gesichert sein, und sie müssen vernetzt sein.

Dr. Heribert Fleischmann, der Vorsitzende der DHS: „Die Gesellschaft hat die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen die Lebensbedingungen zu schaffen, die Heranwachsenden altersgemäße Entscheidungs- und Entwicklungsräume offen halten. Das ist in erster Linie Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik, neben Familien-, Jugend- und Gesundheitspolitik. Handlungsmaxime muss das Leben von Kindern und Jugendlichen und dessen Entwicklungspotenzial sein – keineswegs der Markt. Kinder und Jugendliche haben zudem ein Recht auf frühzeitige Hilfe und Behandlung, nicht  erst, wenn sie erwachsen sind.“

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fordert in diesem Zusammenhang:

  • individuelle Hilfen für Kinder und Jugendliche und Sicherstellung der Finanzierung;
     
  • Versorgungsforschung für die Altersgruppe der Kinder- und Jugendlichen.
     

(Quelle: Pressemitteilung der DHS - anlässlich der Pressekonferenz zur Eröffnung der 49. DHS Fachkonferenz SUCHT)